Feuchte Traumhäuser
"Gegenüber, auf der anderen Seite der Heerstraße, ducken sich Ernst Mays Reihenhäuschen an den Gehweg, das graue Vermächtnis des berühmten Baumeisters. Nicht unbedingt schön ist die vor 80 Jahren errichtete Siedlung, eher sachlich, schlicht. Und "vor allem stabil", sagt Christoph Peters gequält. Der Familienvater steht vor seinem eigenen Haus an der Heerstraße, ziemlich neu ist das, dennoch spricht Peters über Quetschfalten und Dehnungsfugen. Mit dem Fingernagel pult er im feuchten Holz der Fassade, bis kleine Bröckchen herab fallen.
Als ein "Zukunftsmodell" hatte der damalige Planungsdezernent Martin Wentz die neue Siedlung beim Richtfest 1995 gepriesen. Wie aus dem Ei gepellt standen da 35 Niedrigenergiehäuser in Holzständer-Fertigbauweise, der mit dem Verkauf beauftragte Makler prophezeite Wertsteigerungen von bis zu 50 Prozent innerhalb der kommenden zehn Jahre. Doch nach knapp 13 Jahren stehen die Häuser nun vor dem Verfall.
Schon drei Jahre nach dem Einzug begann bei den von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG geplanten Häuschen erstmals die Fassade zu bröckeln, weil sich die Holzbalken darunter mit der Zeit verzogen hatten. Im Putz entstanden eben jene Quetschfalten, die die ABG mit so genannten Dehnungsfugen aus Silikon verschließen ließ. Nicht unbedingt schön, aber stabil, dachte man damals. Zumindest eine Zeit lang.
Gewährleistung abgelaufen
Im Sommer vor zwei Jahren bemerkten Peters und einige Nachbarn dann Wasserflecken an ihren Häusern und alarmierten die ABG. Selbst für Laien, sagt Peters' Nachbar Wolfgang Wagner, sei vollkommen ersichtlich gewesen, "dass da Wasser durch diese Fugen eingetreten ist". Die ABG aber habe einen Gutachter geschickt, der jeden Zusammenhang zwischen Wasserschaden und Dehnungsfugen bestritt. Einige Zeit später erhielten Peters und Wagner einen Brief, in dem die ABG erklärte, dass "einer Einzelbetrachtung unterliegt, ob und inwieweit überhaupt Schäden vorliegen". So oder so seien jegliche Schadensersatzansprüche verjährt. Die Gewährleistung für die Häuser sei schlicht abgelaufen. Christoph Peters findet das "dreist". Seit mehreren Jahren seien nun die Schäden "an sämtlichen Häusern" offensichtlich, ebenso wie deren Ursache. "Das ist ganz einfach Pfusch", sagt Wolfgang Wagner. Der aber werde wohl vertuscht. Die Nachbarn haben ihre Fassaden inzwischen abbrechen lassen, neben durchnässtem Holz unter den Fugen entdeckten sie Ameisen und Tausendfüßler. Mehrere Holzproben, die sie von einem Aschaffenburger Baubiologen untersuchen ließen, wiesen in der Analyse eine Vielzahl von zum Teil auch gefährlichen Schimmelpilzen auf.
ABG-Geschäftsführer Frank Juncker weist dennoch jede Schuld von sich. Die fünfjährige Gewährleistung für die Häuser sei längst abgelaufen, "man kann da jetzt nicht nach dem ehemaligen Bauträger schreien", sagt er. Dass die Dehnungsfugen die Wasserschäden ausgelöst haben, leugnet Junker gar nicht. Allerdings sei schon bei deren Einbau klar gewesen, "dass die regelmäßig kontrolliert und gewartet werden müssen". Dies hätten die Hausbesitzer aber nicht eingehalten.
Peters und Wagner widersprechen dieser Darstellung und verweisen auf eigene Gutachten, wonach die Fugen "rein optischen Charakter" haben. Ihre letzte Hoffnung ist nun Petra Roth, der sie als Aufsichtsratsvorsitzender der ABG einen Brief geschrieben haben. ABG-Chef Junker bleibt indessen gelassen. Als gescheitert, sagt er, würde er das Wentzsche Zukunftsmodell "nicht begreifen"."
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