Ein Nachruf für eine MCS-kranke Frau

Ein Nachruf für eine MCS-kranke Frau

Beitragvon Silvia K. Müller » Montag 18. August 2008, 11:34

Ein Nachruf

Von Hans-Ulrich Hill

Vom 26.07.2008


Mit Bestürzung hat die Selbsthilfegruppe Chemikaliengeschädigte und Umweltkranke Wiesbaden vom Suizid eines ihrer Mitglieder erfahren. Wie ihr Mann mitteilte, hat seine Frau den Tod aus Wut, Verzweiflung und Depression wegen der von den Ärzten und Kliniken nicht adäquat behandelten unerträglichen Beschwerden gesucht.

Sie hat zuletzt keine Medikamente mehr vertragen, zeigte typische Symptome der Multiplen Chemikalien-Überempfindlichkeit (MCS) und musste unerträgliche Schmerzen wegen verschiedener chronischer Entzündungen und einer operierten und nicht ausgeheilten Hüfte ertragen. Sie litt auch unter der diskriminierenden Behandlung durch Ärzte, die ihren Hinweis auf die Chemikalien-Überempfindlichkeit mit abfälligen Bemerkungen kommentiert hatten und eine rein psychische Diagnose propagierten.

Die Selbsthilfegruppe hält diesen Suizid für einen verzweifelten Protest gegen die Schulmedizin, die nicht in der Lage ist, auf das komplexe Krankheitsbild MCS adäquat und rücksichtsvoll zu reagieren und ein entsprechendes Behandlungskonzept zu entwickeln. Sie macht sich selbst zum Vorwurf, sich nicht noch mehr um die Frau gekümmert und auf die behandelnden Ärzte eingewirkt zu haben, obwohl ein Anschreiben verfasst worden war, mit dem das Krankheitsbild als Information für die Klinik und deren Ärzte dargestellt worden war. Leider ohne Erfolg.

Der Fall weist auf grundlegende Defizite des gegenwärtigen Gesundheitssystems hin, die sich nicht in der Lage sehen, umweltbedingte Krankheiten als solche zu akzeptieren und entsprechend fachgerecht zu behandeln. So hätte die Frau alternative Schmerzmittel wie Hanf-Präparate benötigt, die aber von den Krankenkassen nicht bezahlt werden.

Der Autor ist Vorsitzender der Selbsthilfegruppe
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Silvia K. Müller
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Ein Nachruf für eine MCS-kranke Frau

Beitragvon Clarissa » Montag 18. August 2008, 12:05

Mein Beileid für die Hinterbliebenen, ich bin mir auch bewusst, das es für mich vermutlich auch so enden wird. Es ist die einzige Lösung die für manche schwer kranke Menschen die ihnen noch übrig bleibt. Leider!
Und allen Leugnern zum Trotz, im DIMDI
ICD-10-GM Version 2018 - Stand Oktober 2017 ist MCS immer noch im Thesaurus unter
T 78.4 zu finden und wirklich nur dort und an keiner anderen Stelle!
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Ein Nachruf für eine MCS-kranke Frau

Beitragvon Silvia K. Müller » Montag 18. August 2008, 14:23

Liebe Clarissa und alle anderen,
die auch sehr verzweifelt sind, weil es ihnen nur noch schlecht geht.
Wir im Forum hier sind für Euch da. Wenn einer von Euch fehlen würde,
wäre das furchtbar für uns alle. Wem immer es schlecht geht, meldet Euch bei
den CSN Schutzengeln oder bei mir. Wir versuchen unser Bestes.

Eure
Silvia
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Ein Nachruf für eine MCS-kranke Frau

Beitragvon Marina » Montag 18. August 2008, 16:48

Ebenfalls mein Beileid an ihren Ehemann und sonstige Menschen, die der Frau nahe standen. Es ist schrecklich, dass es immer wieder passieren muss. Aber leider wundert es mich nicht. Wer von uns hat nicht schon einmal an soetwas gedacht. Dass sie jetzt nicht mehr so viel Leid, Demütigung, Diskriminierung, unfähige Ärzte usw. ertragen muss, ist wohl auch schon der einzige Trost.

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Ein Nachruf für eine MCS-kranke Frau

Beitragvon Mia » Montag 18. August 2008, 21:51

Mein tiefes Mitgefühl gilt den trauernden Angehörigen!

Es kann doch einfach nicht sein, dass man in diesem Land jedes Neue und Unbekannte gierig aufnimmt, aber an der Stelle, an der es gilt, für kranke Männer, Frauen und Kinder unbekannte Wege zu gehen und innovativ Wege zur Linderung der unheilbaren Multiplen Chemikalien Sensitivität zu finden, jämmerlich versagt.
Wer sind diese Mediziner, die sich herausnehmen, es angeblich besser zu wissen als der leidende Mitmensch???
Es wird Zeit, diese sogenannten Ärzte beim Namen zu nennen, die Chemikalienopfer einfach im Stich lassen und ihnen vorsätzlich die adäquate Hilfe verweigern. Mia
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Ein Nachruf für eine MCS-kranke Frau

Beitragvon Manno » Montag 18. August 2008, 22:46

@ Clarissa
Du bist nicht die Einzige die so denkt, aber über sowas redet man ja nicht.
Es gibt nicht nur Angestellte die irgendwie mit ihrer Rente überleben. Es
gibt auch eine ganze Menge Selbstständige die nach MCS keinem Cent bekommen.
Sie haben ihre Alterssicherung /Eigentumswohung verkaufen müssen und dann
begann der Count Down zu laufen. Wenn das Geld verbraucht ist, gibt es für
sie keine Altersrente und somit auch keine Zukunft mehr. Ist das Schicksal?
Ich verstehe nicht, warum man diese Suizide still und heimlich hinnimmt ?
hat sich da nicht erst vor kurzem eine Frau mit Benzin übergossen, damit es
endlich mal publik wird ? Selbst das wurde dann unter den Teppich gekehrt.
Manno
 

Ein Nachruf für eine MCS-kranke Frau

Beitragvon sunday » Montag 18. August 2008, 22:48

\"Es wird Zeit, diese sogenannten Ärzte beim Namen zu nennen, die Chemikalienopfer einfach im Stich lassen und ihnen vorsätzlich die adäquate Hilfe verweigern. Mia\"

das wäre eine unendlich lange liste.

mir tun auch die hinterbliebenen sehr leid. es ist immer schrecklich, wenn nahestehende menschen so plötzlich weg sind und bei suizid haben die angehörigen hinterher oft sehr lange schuldgefühle, auch wenn sie alles getan haben, um dem betreffenden zu helfen.

das leben mit schweren krankheiten ist oft schrecklich, aber es gibt doch auch immer wieder mal momente, wo es besser geht, auch wenn es oft lange zeit nicht danach aussieht.

liebe grüße
sunday
- Editiert von sunday am 19.08.2008, 14:02 -
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Ein Nachruf für eine MCS-kranke Frau

Beitragvon Monja » Dienstag 19. August 2008, 09:19

Die Geschichte von Silvia hat mich tief berührt !!, warum
wird nicht auf allen Nachrichtensendern darüber berichtet?
Jeder sinnlose Pups erscheint doch da, warum nicht mal ein
so wichtiges Thema?

Ich fand es auch immer sehr bedauerlich, dass bei einem
anderen, mir bekannten MCS- Mann die Familie nicht wollte,
dass über seinen Suizid berichtet wird, das hilft uns ja
nun wirklich nicht weiter.

Im Umgang mit MCS sind viele Ärzte wirklich eine Schande, da
merkt man, dass es nicht ausreicht, für diesen Beruf studiert
zu haben, sondern dass man ihn auch noch mit Intelligenz und
Herzensbildung ausüben sollte. Und bereit sein, für neues Denken,
unbekannte Erkrankungen und die "erlebte Kompetenz" des Patienten
in sein eigenes Wissen zu übernehmen.

Und solchen normalen Ärzten ausgeliefert zu sein, wenns hart auf
hart kommt, ist das beängstigenste obendrein. Wir müssen offenen
Auges mit ansehen, wie sie blind in unserer Krankheit rumstochern.

Die müssen doch begreifen, wenn weltweit ohne Absprache hundert-
tausende Menschen aus allen Schichten von den gleichen Symptomen
berichten, dass dies eine wirklich echte schwere und tatsächlich
vorhandene Erkrankung ist. Ich finde, das kann selbst ein Kind
verstehen. Warum nicht die nur- Schulmediziner?

Sorry Leute, aber das Wort Ärzte macht ja wohl die meisten von uns
wütend. Wenn man als MCS- wissender Jemanden ausgeliefert ist, der
in der Machtposition ist aber keine Ahnung hat, das ist schon sehr
gruselig. Ich hörte mal den Spruch: "Es gibt nur zwei Rassen, die
Geistige und die Ungeistige". Arzt und MCS- Patient stehen da leider
auf den gegenüberliegenden Seiten und wir wissen, dass "wir" auf der
Richtigen stehen. Unsere Krankheit zwingt "uns" täglich dazu zu lernen,
uns zu informieren und auszutauschen, gegenseitig zu raten und zu
helfen, mit unbegreiflichen Symptomen umzugehen und giftige Stoffe zu
meiden, von deren Giftigkeit nichtmal Ärzte wissen (z.B. Medikamente).

Welchen Anreiz haben denn die Ärzte, sich in unserem Thema schlauer zu
machen? An uns verdient die Pharma doch nicht... Ihnen allen gehts doch
eh nur ums Geld. UNS geht es ums Überleben und Symptomlinderung, als
höchstes Ziel, die MCS los zu werden. Kämpfen wir weiter. Sie haben ge-
wiss auch Angst davor, dass wir mit MCS wieder auf die Beine kommen, weil
wir durch jahrzehntelange Diskriminierung von ihnen wirklich mitlerweile
einen Kampfesgeist entwickelt haben, der sie vom Sockel stoßen könnte.
LG Monja
Monja
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Ein Nachruf für eine MCS-kranke Frau

Beitragvon Ma Baker » Dienstag 19. August 2008, 19:06

Ein Funken Menschlichkeit und ehrliche Ärzte mit Rückgrat
könnte alle diese traurigen Fälle verhindern.
Er schütternd, dass unser Land die Augen verschließt vor den Opfern
seiner Industrie und Gesellschaft.
Ma Baker
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Ein Nachruf für eine MCS-kranke Frau

Beitragvon Stier » Dienstag 19. August 2008, 21:47

Schon wieder ein tragischer Suizidfall aufgrund von Ignoranz, Diskriminierung und Psychiatrisierung durch Ärzte, die einmal den Eid des Hippokrates geschworen haben. Es ist unfassbar.

Solche Informationen gehören nicht nur in dieses Forum, sondern in eine breite Öffentlichkeit. Es müsste einen regelrechen Aufschrei geben.

Mein Beileid den Angehörigen und Freunden der MCS-erkrankten Frau.
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Ein Nachruf für eine MCS-kranke Frau

Beitragvon Siss » Dienstag 19. August 2008, 22:37

Fühle mich sprachlos. Deshalb nur dies:

Mein tiefempfundenes Beileid für die Angehörigen und Freunde dieser Frau.
Und eine Bitte: Bitte machen Sie sich keine Schuldgefühle und auch keine
Vorwürfe wie Sie es vielleicht verhindern hätten können. Wenn ein Mensch
sich das für sich einmal vorgenommen hat, ist er nicht mehr davon abzubringen,
auch dann nicht, wenn man im Nachhinein irgendwelche tatsächlichen oder
vermeintliche Notsignale des lieben Menschen meint zu erkennen.
(ich weiß das, weil ich einen Suizidversuch überlebte.)
- Editiert von Siss am 20.08.2008, 00:11 -
Siss
 


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