Studien über erfolgreiche Psychotherapie bei MCS

Studien über erfolgreiche Psychotherapie bei MCS

Beitragvon Lennox » Sonntag 23. November 2008, 17:19

Hallo Leute,

mich beschäftigt eine Frage, die von größter Wichtigkeit für uns sein könnte.
Ich brauche Eure geballte Hilfe, um sie zu beantworten.

Gibt es überhaupt Studien, die beweisen, dass Psychotherapie oder psychoedukative Maßnahmen, Reexposition, etc. bei MCS dazu führen, dass ein chemikaliensensibler Mensch nicht mehr auf toxische Chemikalien reagiert?

Wenn es keine Studien gibt, die dies wirklich nachweisen, und damit ist gemeint, unter kontrollierten, reproduzierbaren Bedingungen nachweisen, dass solche Maßnahmen helfen, warum sollen wir es uns dann länger gefallen lassen, dass man uns zu solchen Therapien nötigt, bzw. zwingt? Sie sind dann nämlich nicht mehr und nicht weniger als ein Kunstfehler.

Wir sollten uns gemeinsam das Feld der internationalen Studien vornehmen und gewissenhaft prüfen, ob es solche Studien gibt oder nicht. Gleichzeitig sollten wir strengstens erurieren, ob es sich bei der Patientengruppe der jewweiligen Studie tatsächlich nachweislich um MCS Patienten handelt (MCS Fallkrierien). Haltet auch die Augen auf nach völlig absurden Fallberichten und von wem sie veröffentlicht wurden.

Sollte sich durch unsere Nachforschung herausstellen, dass es keine "peer review" Studien gibt, die aussagen, dass diese Psychotherapien und verwandte Behandlungsformen die Krankheit heilen oder zweifelsfrei lindern, werden wir uns weitere Schritte überlegen.

Wie steht's, wer ist mit von der Partie? Diese Angelegenheit hat oberste Dringlichkeitsstufe.

Gruß, Lennox
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Studien über erfolgreiche Psychotherapie bei MCS

Beitragvon Lucca » Sonntag 23. November 2008, 18:11

Ein paar Leitpunkte bzgl. des Stellenwerters verschiender Studien aus einer Präsentation von Nowack/München:

Fallbeispiele stehen auf einer niedrigen Stufe in der evidenzbasierten Medizin

Evidenzgrade
Ia Meta-Analysen randomisierter kontrollierter Studien
Ib Mindestens eine randomisierte, kontrollierte Studie
IIa Mindestens eine gut angelegte, kontrollierte Studie ohne
Randomisierung
IIb Mindestens eine gut angelegte, quasi-experimentelle
Studie
III Gut angelegte, nicht-experimentelle deskriptive
Studien (z. B. Fall-Kontroll-)
IV Berichte / Meinungen von Expertenkreisen, Konsensuskonferenzen,
klinische Erfahrung anerkannter Autoritäten
V Fallserien ohne Kontrollen

http://arbmed.klinikum.uni-muenchen.de/aum_umweltsyndrome_nowak_08.pdf
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Studien über erfolgreiche Psychotherapie bei MCS

Beitragvon Riddick » Sonntag 23. November 2008, 18:31

Hallo Lennox,

man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass man keine ernsthaften wissenschaftlichen Studien finden kann, die belegen, dass man MCS-Kranke durch Psychotherapie oder "psychoedukative Massnahmen" heilen kann, da die Grundursachen von MCS Expositionen mit toxischen Chemikalien sind.

Die "Heilungen" durch o.g. Massnahmen, die von einigen Quacksalbern und Menschenschindern propagiert werden, fallen unter den Bereich der Techniken der Psychomanipulation, die heutzutage ein erschreckend effektives Niveau erreicht haben und z.B. von Sekten und Wunderheilern reichlich und völlig skrupellos eingesetzt werden. Nachzulesen z.B. in den Büchern von Steven Hassan "Releasing the bonds", "Combating cult mind control", und auf deutsch, leider meines Wissens nur antiquarisch "Ausbruch aus dem Bann der Sekten". Das als Hilfe zur Selbsthilfe für MCS-Kranke, die bereits Opfer von solchen Psychomanipulateuren geworden sind.

Denkt jetzt bitte nicht "Was haben denn diese "psychoedukative Massnahmen" mit Sekten zu tun?"


MERKT ES EUCH:

- Die verwendeten Techniken sind die selben, und die Motivationen sind genauso menschenverachtend! -

- Also: Wehrt Euch gegen psychomanipulierende Quachsalber! -

- Indem Ihr z.B. bei der jeweils zuständigen Landesärztekammer (z.B. Schleswig-Holstein) konkrete Vorfälle mit der Aufforderung
um lückenlose Aufklärung vorbringt, bei denen nachweislich der Kunstfehler begangen wurde, die körperliche Krankheit
MCS (ICD-10 Code T78.4) durch Psychomanipulationen "kurieren" zu wollen! -


Euer

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Studien über erfolgreiche Psychotherapie bei MCS

Beitragvon Annamaria » Sonntag 23. November 2008, 19:07

Hallo Lennox, hallo Lucca,

Riddick hatte inzwischen besser geschrieben als ich.
Jetzt kann ich mir meinen Kommentar sparen, leider.

Vielen Dank, Riddick. Das hast du prima gemacht.
Annamaria
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Studien über erfolgreiche Psychotherapie bei MCS

Beitragvon Riddick » Sonntag 23. November 2008, 19:27

Hallo Annamaria,


gern geschehen.

Hoffentlich machen viele Opfer regen Gebrauch von der Möglichkeit, die Landesärztekammern um sachgerechte Aufklärung zu bitten.
Das kostet nur eine Briefmarke, und die Kammern sind gesetzlich verpflichtet, diesen Vorfällen nachzugehen.

Je mehr sich darum kümmern, desto eher wird den Kurpfuschern das Handwerk gelegt, und dadurch würde in Zukunft viel Leid vermieden.


Dein

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Studien über erfolgreiche Psychotherapie bei MCS

Beitragvon Analytiker » Sonntag 23. November 2008, 21:02

Die Sache sehe ich wie Riddick. Wir sollten Kunstfehler nicht länger hinnehmen, Falschbehandlungen sind schließlich kein Pappenstiel.

Gute Idee, Lennox.
Mein Dank geht an alle Vorredener.
Umweltkranke müssen/sollten sich nicht alles bieten lassen.
Analytiker
 

Studien über erfolgreiche Psychotherapie bei MCS

Beitragvon Ma Baker » Sonntag 23. November 2008, 21:06

Exakt Analytiker, kein Pappenstiel und ich ergänze: Kein Kavaliersdelikt.
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Studien über erfolgreiche Psychotherapie bei MCS

Beitragvon Maria » Sonntag 23. November 2008, 21:17

Ganz meiner Meinung. Wir sollten uns in der Sache kundig machen bzw. Material sammeln, denn es ist nie ein Fehler gut informiert zu sein, um bei Bedarf angemessene Schritte einleiten zu können.

Viele Grüsse
Maria
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Studien über erfolgreiche Psychotherapie bei MCS

Beitragvon Janik » Montag 24. November 2008, 07:34

Meines Wissens gibt es keine einzige seriös anzusehende Studie, dass MCS durch psychologische oder psychiatrische Intervention gleich welcher Art geheilt oder ernsthaft verbessert wurde.

Nehmt Euch diesen Artikel von Patrick Casanova zur Brust.
Es stehen einige wichtige Fakten darin.

MULTIPLE CHEMICAL SENSITIVITY: A LITERARY CRITIQUE
http://www.chemsense.com/MCSessay.html
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Studien über erfolgreiche Psychotherapie bei MCS

Beitragvon Karlheinz » Montag 24. November 2008, 09:00

Die Wirksamkeit von Psychotherapien für bestimmte \"Erkrankungen\" nachzuweisen ist außerordentlich schwierig und kostspielig. Hier kommt ein Zitat aus dem (sehr empfehlenswerten) Buch von Maddux (Hrsg.) \"Psychopathology\" (Vorwort: http://web.fu-berlin.de/gesund/lehre/maddux/LEA-1(Maddux).pdf ), Kapitel über \"Psychopathology Research\" von Steward/Chambless S 128/129:

\"Empirically Validated Treatments
Several of the chapters in part II of this volume mention the terms empirically validated treatments or empirically supported treatments (ESTs) for the disorders reviewed in that chapter. In general these terms are used interchangeably to refer to treatments that have met the standards set by one or more groups who have reviewed the psychotherapy literature to identify treatments that work for particular disorders or presenting problems (see Chambless & Ollendick, 2001 for a review). These efforts were initiated in the United States by Division 12 (Society of Clinical Psychology) of the American Psychological Association. Division 12\'s Task Force on the Promotion and Dissemination of Psychological Procedures (later the Committee on Science and Practice) defined ESTs as treatments that were probably efficacious or efficacious. Probably efficacious treatments are those that have been found to be superior to waiting list control groups in two or more studies, that have been found to be superior to another treatment in at least one study, or that have been found to be superior to another treatment in multiple studies but only tested by one research group. Efficacious treatments were defined as those that have proved more beneficial than placebo conditions or alternative treatments by more than one research group. (Note that we abbreviate the criteria here, and a complete description maybe found in Chambless, Baker et al., 1998.) In both cases, when multiple studies were available, the preponderance of the most exacting evidence had to favor the treatment\'s efficacy. Moreover, treatments had to be tested according to the methods described in this section for rigorous psychotherapy research.
At the time of their 2001 review, Chambless and Ollendick noted that the various review groups tackling the psychotherapy literature had identified 108 ESTs for adults and 37 for children. The iden¬tification of ESTs may be categorized as a part of the evidence-based practice movement. According to the principles of evidence-based practice, clinicians are encouraged to integrate the best research evidence regarding possible treatment of a patient with their clinical expertise and consideration of the patient\'s characteristics and values (Sackett, Straus, Richardson, Rosenberg, & Haynes, 2000). Thus, evidence-based practice includes not only EST research but also any other sort of evidence the practitioner might bring to bear on treatment decisions; for example, knowledge of the importance of building positive expectations for change and of developing a strong working alliance with the client. Compilations of ESTs are intended to serve as quick guides for clinicians, students, and edu¬cators who want to learn more about how to effectively treat a variety of disorders but who do not have time or the expertise to conduct extensive literature reviews themselves. With support from the National Institute of Mental Health, a website has been developed to help consumers and therapists access information about ESTs (http://www.therapyadvisor.org). The Committee on Accreditation, which reviews and accredits doctoral programs and internships in professional psychology, requires that at least some of a student\'s didactic and practical training be devoted to the study of ESTs (Office of Program Consultation and Accreditation, 1996).\"

Sowie: http://www.apa.org/divisions/div12/rev_est/index.html

Ich hab mich noch nicht intensiver mit den Websites beschäftigt, aber man kann wohl auch Fragen stellen (wenn die dann sagen, es gibt nichts, dann gibt es wohl auch nichts). Ich glaube kaum, dass es EST\'s speziell für MCS gibt. Am wahrscheinlichsten ist es wohl, dass man MCS als somatoforme Störung diagnostiziert und dann entsprechend zu behandeln versucht. Somatoforme Störungen sind aber glaube ich sehr schwer zu behandeln (oder wie man das nennen will) und Studien, MCS als somatoforme Störung zu klassifizieren versuchen nicht gerade überzeugend. (Es gibt wohl auch Versuche MCS als Angststörung zu klassifizieren, doch scheint das anderen empririschen Ergebnissen über Angststörungen zu widersprechen.)

Im Gegensatz dazu gibt es die grundgute Studie von Reed-Gibson über das was hilft und was nicht (Übersetzung irgendwo hier bei CSN).
- Editiert von Karlheinz am 24.11.2008, 09:02 -
- Editiert von Karlheinz am 24.11.2008, 09:03 -
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Beitragvon Silvia K. Müller » Montag 24. November 2008, 16:23

CSN und den mit uns in Verbindung stehenden Wissenschaftlern, Ärzten und Organisationen (Europa, USA) ist keine einzige kontrollierte peer-review Studie bekannt, die nachweist, dass Psychoedukation, Psychotherapie oder Reexpositionstherapie in der Lage sind chemikaliensensiblen Patienten zu helfen.

Wenn es eine Studie geben sollte, wären wir für eine Übermittlung dankbar.
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Interessenskonflikte von U.S. Senat aufgedeckt

Beitragvon Janik » Sonntag 30. November 2008, 21:52

Das Editorial der New York Times zum Wochenende passt irgendwie zu unserem Thema.

Wieder ist ein Psychiatrieskandal aufgedeckt worden.
Die s-Experten von denen die Rede ist, haben ihre Hände aufgehalten bei der Pharmaindustrie.
Jetzt beschäftigt sich der Senat u.a. mit Dr. Biederman (wie sinnig der Name doch ist in diesem Zusammenhang)
Mindestens 1.4 Mill. $ hat der weltbekannte Havard Professor für Kinderpsychiatrie in Empfang genommen von der Industrie.

Johnson & Johnson hatte beispielsweise sogar einen Entwurf für einen wissenschaftlichen Artikel verfasst,den Professor Biederman für ein professionelles Meeting unterzeichnen sollte, ganz so als sei er der Autor.

Der Kongress hatte sich jüngst noch mit einem anderen Psychiater zu beschäftigen, dieser hatte erfolgreich in einer wöchentlich ausgestrahlten Radiosendung für bestimmte Medikamente und Behandlungen geworben. Rund 1.3 Millionen soll er für diese Marketingvorträge eingestrichen haben. Die Sendung wurde jetzt abgesetzt.

THE NEW YORK TIMES - Sunday, 30 November 2008

Editorial

Expert or Shill?

http://www.mindfreedom.org/kb/psych-drug-corp/congress/nytimes-editorial
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