Stilblüten von Gegnern der Umweltmedizin

Stilblüten von Gegnern der Umweltmedizin

Beitragvon Widerstand » Sonntag 7. August 2005, 13:57

Bewußtes Drängen in die esoterische Richtung hat System und wird gerne eingesetzt, um schulmedizinische Kollegen die sich mit umweltmedizinischen Thematiken befassen, ins Abseits zu drängen. Meine Umweltärzte jedenfalls wenden keine Bioresonanz an und schwingen auch keine Tensoren, Wünschelruten oder diffamierende Reden gegen Standeskollegen.


Kunze, Johannes
Multiple Chemical Sensitivity: Unwissenschaftliche Methoden klarer ausgrenzen
Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 17 vom 25.04.2003, Seite A-1141 / B-959 / C-901
MEDIZIN: Diskussion

zu dem Beitrag "Eine Darstellung des wissenschaftlichen Kenntnisstandes aus arbeitsmedizinischer und umweltmedizinischer Sicht" von Dr. med. Michael Nasterlack Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Kraus Prof. Dr. med. Renate Wrbitzky in Heft 38/2002

Verbunden mit dem Dank an die verdienstvolle Publikation des Arbeitskreises „Klinische Umweltmedizin“ zum Phänomen der Multiple Chemical Sensitivity (MCS) möchte ich doch zu mehr Mut in der Klarheit und Schärfe der Formulierungen auffordern. Wenn die diagnostischen Verfahren aus dem Spektrum „unkonventioneller Umweltmediziner“ wie Kinesiologie, Bioresonanz, et cetera bisher ohne belegte Relevanz als „alternativ“ bezeichnet werden, so wird immer noch unterschwellig suggeriert, dass diese Verfahren eine Alternative bieten, die möglicherweise irgendwann einmal eine Bedeutung gewinnen könnten. Im Interesse unseres Berufsstandes und insbesondere der betroffenen Patienten sollte klipp und klar gesagt werden, dass diese Methoden nicht unkonventionell und auch nicht alternativ sondern schlicht und einfach unseriös sind. Sie sollten auch als unseriöse Methoden geächtet und die Abrechnungsmöglichkeit (zum Beispiel als IGEL-Leistung) für Ärzte verboten werden. Es darf nicht sein, dass unter dem Deckmantel der (Umwelt-)Medizin und pseudowissenschaftlicher Schriften mittelalterliche Vorstellungen über die Nutzen magischer Kräfte salonfähig bleiben. Gerade damit wäre ein wichtiger Schritt auch zur Bewältigung der Problematik des Phänomens der MCS getan, da viele falsche Voraussetzungen aus dem Konzept der Vorstellung über Ursachen und Wirkung bei den Betroffenen entfallen.
Gerade bei der Fülle von noch bestehenden Unklarheiten auf diesem Gebiet ist eine eindeutige Ausgrenzung von unwissenschaftlichen Methoden und mythischer Besserwisserei Aufgabe der Fachgesellschaften.
Eine falsch verstandene Konzilianz gegenüber der unwissenschaftlich arbeitenden so genannten unkonventionellen Umweltmedizin führt nur zu weiterem Wildwuchs in diesen Bereichen.

Dr. med. Johannes Kunze
Klinik für Dermatologie, Allergologie und
Umweltmedizin
St. Barbara-Hospital Duisburg
Barbarastraße 67
47167 Duisburg
Widerstand
 

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Beitragvon Widerstand » Sonntag 7. August 2005, 13:59

Dieser Leserbrief bezog sich übrigens auf den Artikel:
Nasterlack, Michael; Kraus, Thomas; Wrbitzky, Renate
Multiple Chemical Sensitivity: Eine Darstellung des wissenschaftlichen Kenntnisstandes aus arbeitsmedizinischer und umweltmedizinischer Sicht
Deutsches Ärzteblatt 99, Ausgabe 38 vom 20.09.2002, Seite A-2474 / B-2116 / C-1981


http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=32993
Widerstand
 

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Beitragvon Widerstand » Sonntag 7. August 2005, 14:08

Und hier das damalige Schlußwort im Ärzteblatt von Nasterlack (Abteilung Arbeitsschutz und Gesundheitsschutz BASF Aktiengesellschaft, Ludwigshafen), sozusagen als "Wort zum heutigen Sonntag".
Das Schlußwort bezieht sich auf einen Leserbrief von Frau Dr. Aschermann, den ich hinten anhänge.

Wrbitzky, Renate; Kraus, Thomas; Nasterlack, Michael
Multiple Chemical Sensitivity: Schlusswort
Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 17 vom 25.04.2003, Seite A-1142
MEDIZIN: Diskussion

zu dem Beitrag:
Eine Darstellung des wissenschaftlichen Kenntnisstandes aus arbeitsmedizinischer und umweltmedizinischer Sicht von Dr. med. Michael Nasterlack Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Kraus Prof. Dr. med. Renate Wrbitzky in Heft 38/2002

Herr Kollege Kunze weist zu Recht darauf hin, dass in der Diagnostik und Therapie von vermuteten umweltassoziierten Erkrankungen zahlreiche Verfahren angewandt werden, die beim derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand als nicht valide betrachtet werden müssen. Wir denken, dass dieser Sachverhalt in unserem Übersichtsbeitrag ausreichend deutlich gemacht wurde. Unser Beitrag ist auf keinen Fall als „konziliant“ gegenüber unwissenschaftlichen Methoden in der Umweltmedizin zu verstehen. Vielmehr war es gerade Sinn und Zweck der Übersicht, auch die Problematik der Anwendung unseriöser Methoden bei Patienten mit Multiple Chemical Sensitivity darzustellen. Auf den Tagungen der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) werden kritische Beiträge zu „alternativen Methoden in der Umweltmedizin“ in Seminarveranstaltungen und Vorträgen seit vielen Jahren präsentiert.
Wir stimmen mit Frau Kollegin Aschermann dahingehend überein, dass auch wir die Bedeutung der Empirie in der täglichen praktischen Arbeit mit Patienten hoch einschätzen. Wissenschaftlichkeit allein genügt zweifellos nicht, um eine patientengerechte Medizin zu praktizieren. Medizin ohne Wissenschaftlichkeit aber kann eine Gefahr für die körperliche und seelische Gesundheit unserer Patienten sein. Dabei sollen die von Frau Kollegin Aschermann zitierten Leitlinien die auf wissenschaftlichen Studien basierenden Erkenntnisse für eine optimale Versorgung aller Patienten in die Praxis umsetzen. Wir können nicht erkennen, welche empirischen Erfahrungen zu dem Schluss führen sollten, dass „Mobbing, Selbstmordgedanken, Hypertonie, Hepatopathie, Bandscheibenvorfall, Hautausschläge, Bronchitis“ pauschal auf „Chemikalien am Arbeitsplatz“ oder „chemiebelastete Umwelt“ zurückzuführen seien. Es ist gerade diese simplifizierende, monokausale Betrachtungsweise, vor der wir mit unserem Beitrag warnen wollen. Insofern kann das Votum von Frau Kollegin Aschermann für eine verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Betreuung betroffener Personen nur unterstützt werden.

Prof. Dr. med. Renate Wrbitzky
Abteilung Arbeitsmedizin
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover
E-Mail: Wrbitzky.renate@mh-hannover.de

Prof. Dr. med. Thomas Kraus
Institut für Arbeitsmedizin
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule, Aachen

Dr. med. Michael Nasterlack
Abteilung Arbeitsschutz und Gesundheitsschutz
BASF Aktiengesellschaft, Ludwigshafen


Leserbrief von Dr. Aschermann
Diesen Artikel empfinde ich als psychotherapeutisch tätige Nervenärztin für die niedergelassenen ärztlichen Kollegen wenig hilfreich. Benennung unzutreffend, Ursache unbekannt, Therapie unbekannt, keine Berufskrankheit – so etwa könnte die Zusammenfassung lauten. Tatsache ist doch, dass immer mehr Menschen mit diesem Krankheitsbild in unsere Praxen kommen. Die Autoren weisen auf die Wissenschaftlichkeit der Medizin hin, ohne zu bedenken, dass Medizin als Krankheitslehre und Heilkunde zum größten Teil auf Empirie und Definitionen beruht, auf Festlegung von Normal- und Grenzwerten, man kann Studien statistisch korrekt durchführen, Leitlinien erarbeiten – die Praxis wird immer wieder anders aussehen. Ich habe zum Beispiel drei Patienten aus derselben Fabrik in Behandlung, die mich wegen Mobbing am Arbeitsplatz aufsuchten und über Depressionen und Selbstmordgedanken klagten. Bei Nachfragen erfuhr ich unter anderem von Symptomen, wie sie von den Autoren beschrieben wurden, und, um auch die „anerkannten“ Krankheiten zu nennen, von einer nicht einstellbaren Hypertonie und Hepatopathie im einen Fall, von einem zervikalen Bandscheibenvorfall im anderen und Hautausschlägen und Bronchitis im dritten Fall. Alle drei Patienten haben acht bis zehn Jahre in der Fabrik gearbeitet. Wenn sie nun nach langer Arbeitsunfähigkeit und erfolglosen Kuren einen Rentenantrag stellen, dürfen sie dann auf verständige Gutachter hoffen, die ihre schwere Beeinträchtigung erkennen und den Zusammenhang mit ihren Arbeitsbedingungen (Chemikalien, keine ausreichende Lüftung) nicht ignorieren? Was haben wir Ärzte anzubieten an therapeutischen Möglichkeiten (außer der supportiven und ressourcenorientierten Psychotherapie, die helfen soll zu „lernen mit der Krankheit zu leben“)? Ein therapeutischer Nihilismus ist nicht gerechtfertigt, heißt es im Artikel – wie das, wenn Ätiologie und Pathogenese nicht gesichert sind?
Die Gefahr besteht, dass die Patienten in die psychiatrisch-psychotherapeutische Ecke abgeschoben werden zur Ruhigstellung und Beruhigung des ärztlichen Gewissens. Oder, auch nicht besser, es werden unrealistische Heilserwartungen an die Psychotherapeuten herangetragen. Ein verstärkter interkollegialer Austausch könnte vielleicht bewirken, dass diese Menschen, die oft „schwierig“ sind und den „Fehler“ haben, unserer chemiebelasteten Umwelt nicht mehr gewachsen zu sein, anders wahrgenommen werden.

Dr. med. Christine Aschermann
Eichenstraße 6
88299 Leutkirch
Widerstand
 

Stilblüten von Gegnern der Umweltmedizin

Beitragvon Twei » Donnerstag 24. Januar 2013, 21:50

Allerdings wird im Originaltext schon damals vor Scharlatanerie gewarnt:

http://www.aerzteblatt.de/bilder/2002/09/img103875.gif

In einer Beziehung wird uns sogar indirekt geholfen, die anderen Mediziner bzw. Umweltmediziner zu entlarven, die uns mit teuren Pseudotherapien hinters Licht führen wollen.

Mit folgendem Satz werden aber indirekt "Placebo" und Schein-Therapien sowie -Diagnostik gerechtfertigt (und somit auch wiederum für die oben genannte Scharlatanerie, wie man heute ersehen kann):
...In der „klinischen Ökologie“ wird häufig das so genannte Provokations-Neutralisations-Verfahren angewandt, in dem nach strikter Vermeidung der als auslösend angeschuldigten Substanzen diese sublingual oder subkutan in ansteigender Dosierung appliziert werden, um eine Gewöhnung des Organismus zu erreichen.

In der ungezielten adjuvanten Therapie finden sich am häufigsten Enzympräparate, Johanniskraut, Vitamine und Antioxidanzien (Vitamin C, E et cetera).

In der Praxis muss der betreuende Arzt einen Kompromiss zwischen der gebotenen Zurückhaltung gegenüber empirisch nicht belegten Therapieformen und der Offenheit für Neues finden. Ein therapeutischer Nihilismus ist angesichts des Leidensdrucks der Patienten nicht gerechtfertigt....


Nach dem Mott: Lieber etwas "Verschreiben" und "Hoffnung verbreiten" als Nichts zu tun!??

Für die "Artikelverfasser" sollen aber folgende "Placebos" und "Schein-Therapien" vielversprechend sein:
...Eine stützende psychiatrische oder psychologische Behandlung macht unabhängig vom Krankheitskonzept Sinn, wenn sie die Vermittlung von Bewältigungsstrategien zum Ziel hat. Supportive Psychotherapie und kognitive Verhaltenstherapie gehören zu den wenigen Therapieverfahren, die in der Literatur überwiegend positiv eingeschätzt werden (2, 12, 13, 22, 36, 38, 40).

Auch die adjuvante Therapie mit psychotropen Substanzen unter ärztlicher Kontrolle ist im Hinblick auf die fast nie fehlende psychische Beeinträchtigung durch eine als invalidisierend empfundene Erkrankung grundsätzlich in Erwägung zu ziehen (26). Beide Behandlungsstrategien werden jedoch von den meisten MCS-Patienten als unzulässige „Psychiatrisierung“ empfunden und daher abgelehnt. Bei diagnostizierten psychosomatischen oder psychiatrischen Erkrankungen ist dennoch auch bei diesen Patienten eine fachspezifische Therapie anzustreben....


UND VON DER SINNVOLLEN THERAPIE "EXPOSITIONSVERMEIDUNG" WIRD ABGERATEN:

...„Vermeidung als Therapie“, die so genannte „avoidance“, ist außerordentlich kritisch zu sehen. Dazu wird den Patienten angeraten, alle nur denkbarerweise chemisch belasteten Stoffe und Teile aus ihrer Wohnung zu entfernen.
Zwar kann bei wenigen und gut identifizierbaren Auslösern eine begrenzte Vermeidungsstrategie sich als gangbarer Kompromiss erweisen.

Vor dem Hintergrund eines kognitiv-behavioralen Krankheitskonzeptes wird genau diese Strategie jedoch als unterhaltendes Moment des pathogenetischen Teufelskreises angesehen. Aus dieser Sicht unterhält und verstärkt eine „avoidance“ die Beschwerden, die sie zu behandeln vorgibt....


Nun gibt es heute, im Jahre 2013, zwei Hauptlager von Medizinern / Umweltmedizinern; die Einen raten zur "Linderung" und zur "Diagnostik" Wundermittel und Esoterikgeräte an und die Anderen raten zur "Linderung" und "Diagnostik" Psychotherapie an.

Letztere rechtfertigen ihre Therapien sogar mit folgenden Worten:
... Der Grundsatz „nil nocere“ schließt jedoch auch ein, Patienten gegen offenkundige Scharlatanerie zu sensibilisieren und vor gegebenenfalls schädlichen Behandlungen wie zum Beispiel unnötigen „Entgiftungsmaßnahmen“ zu bewahren....


Nach dem Motte, wer nicht zu den anderen geht, der ist bei uns gut aufgehoben!

Alle oberen Zitate wurden aus folgendem Text entnommen, siehe Link http://www.aerzteblatt.de/archiv/32993/ ... cher-Sicht


_ _ _ _ _ _ _ _ _ _
Anmerkung:

Zur Wichtigkeit der Expositionsvermeidung und dem wissenschaftlichem Sachstand siehe bitte:

"Expositionsminderung und ­Vermeidung für MCS­Patienten" - http://dr-merz.com/media/Downloads/MCS+II.pdf

http://www.csn-deutschland.de/blog/2008 ... ivity-mcs/

und Prof. Dr. Martin L. Pall - http://www.martinpall.info/wp-content/u ... 12/MCS.pdf


Zur Sinnlosigkeit von Psychotherapien bei MCS-Erkrankten siehe:

http://www.csn-deutschland.de/blog/2009 ... risierung/

http://www.csn-deutschland.de/blog/2010 ... d-teil-ii/


Und was in der Umweltmedizin ebenfalls nicht sein müßte, siehe:

"Wandert die Umweltmedizin in die Esoterik ab" - viewtopic.php?t=15759
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Stilblüten von Gegnern der Umweltmedizin

Beitragvon Twei » Freitag 25. Januar 2013, 11:29

Siehe auch:
*Fr.Prof Dr Wrbitzky und Hr.Dr Rebe MHH* - viewtopic.php?t=19206

Das ganze obige *MCS Positionspapier* - viewtopic.php?t=2281
- Editiert von Twei am 26.01.2013, 22:23 -
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